Demos 2/2023
Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die natürliche Bevölkerungsbewegung
Vorwort
Wie überall hatte die Covid-19-Pandemie auch in der Schweiz eine Zunahme der Todesfälle zur Folge, die sich nicht allein durch die demografische Alterung erklären lässt. Welche Besonderheiten zeigen sich in Bezug auf die Todesfälle? Wie haben die Covid-19-Wellen die Sterblichkeit in der Schweiz beeinflusst?
Interessant ist auch die Frage, ob und inwiefern die Pandemie und die in der Schweiz umgesetzten Eindämmungsmassnahmen direkte, indirekte, vorübergehende oder langfristige Auswirkungen auf die Geburten, Eheschliessungen und Scheidungen hatten. Das Familienleben, einschliesslich Eheschliessungen und geplante Elternschaften, wurden von der Pandemie auf eine harte Probe gestellt, denn sie hat die Häufigkeit und den Zeitplan von Hochzeiten sowie Erstgeburten beeinflusst. Aber welche Auswirkungen hatte diese Aufschübe auf die Geburten? Welche Erkenntnisse lassen sich gewinnen? Aufschlussreich ist zudem ein genauerer Blick auf die Scheidungen: Das Auf und Ab der Scheidungsraten zeugt von starken Veränderungen im Familienleben. Ist die Ursache in der Pandemie zu suchen?
Diese Demos-Ausgabe befasst sich rückblickend mit verschiedenen Faktoren der natürlichen Bevölkerungsbewegung während der Pandemie und analysiert diese sowohl auf regionaler als auch auf nationaler Ebene.
Wir wünschen Ihnen eine gute Lektüre!
Fabienne Rausa, BFS
Übersicht:
1 Monatliche Entwicklung der Sterblichkeit in der Schweiz von 2020 bis 2022
2 Entwicklung der Todesfälle im Tessin in den Jahren der Covid-19-Pandemie
3 Wie haben sich Geburten, Eheschliessungen und Scheidungen in der Schweiz während der Pandemiejahre entwickelt?
Weiterführende Informationen
Monatliche Entwicklung der Sterblichkeit
in der Schweiz von 2020 bis 2022
In den vergangenen drei Jahren wurde weltweit regelmässig über die Entwicklung der Covid-19-Pandemie und über die Zahl der pandemiebedingten Todesfälle informiert. In diesem Artikel werden keine neuen Informationen präsentiert, sondern die während der Pandemie beobachteten Daten zusammenfassend analysiert. Die zwischen 2020 und 2022 verzeichneten Todesfälle werden nach Monat dargestellt. Zudem werden gestützt auf die standardisierten Sterberaten die Höchstwerte nach Geschlecht und Kanton ausgewiesen.
Aufgrund des starken Bevölkerungswachstums im 20. Jahrhundert und der kontinuierlich zunehmenden Lebenserwartung ist die Zahl der älteren Menschen in den vergangenen Jahrzehnten rasch gewachsen. Sie haben Altersstufen erreicht, die mit sehr hohen Sterberaten einhergehen, sodass die Zahl der Todesfälle zwischen 2010 und 2019 schrittweise zugenommen hat. Diese Entwicklung alleine kann den abrupten Anstieg der Anzahl Todesfälle im Jahr 2020 und die relativ hohen Werte in den Jahren 2021 und 2022 jedoch nicht erklären. Eine Analyse der monatlichen Daten zeigt ungewöhnlich hohe, auf die Covid-19-Pandemie zurückzuführende Spitzenwerte. Werden die Werte der Pandemiejahre mit den entsprechenden Werten von 2015 bis 2019 verglichen, ergibt sich für die Jahre 2020, 2021 und 2022 eine starke Übersterblichkeit.
Aussergewöhnliche Entwicklung der Sterblichkeit
In den vergangenen drei Jahren lag die jährliche Zahl der Todesfälle deutlich über dem Durchschnitt der letzten zehn Jahre. So wurden 2020 insgesamt 76 000 Todesfälle verzeichnet, 2021 waren es 71 000 und 2022 etwas mehr als 74 000. Für den Zeitraum 2010–2019 hingegen belief sich der Durchschnittswert auf 65 000 Todesfälle pro Jahr, mit einem Höchstwert von knapp 68 000 Todesfällen im Jahr 2019 und einem Tiefstwert von 62 000 Todesfällen im Jahr 2011. Der kontinuierliche Anstieg der jährlichen Todesfälle in den letzten Jahrzehnten liegt im Bevölkerungswachstum und der Bevölkerungsalterung in der Schweiz begründet. Die besonders ausgeprägte Zunahme der Todesfälle im Jahr 2020 und die hohen Werte in den beiden Folgejahren sind hingegen auf die Covid-19-Pandemie zurückzuführen.
In diesem Artikel werden sowohl die monatliche Entwicklung der Anzahl Todesfälle in den drei Pandemiejahren (vgl. Grafik G1) als auch die Entwicklung der standardisierten Sterberaten (vgl. Grafik G2) beschrieben. Durch die Standardisierung dieser Raten wird der Einfluss der Veränderungen von Altersstruktur und Gesamtbevölkerungszahl neutralisiert. Die Raten bilden somit die reelle Entwicklung der Sterblichkeit ab. Ausserdem ermöglichen sie einen direkten Vergleich der kantonalen Sterblichkeit, da die Grössen- und Altersunterschiede der Kantonsbevölkerung ausgeglichen werden (vgl. Punkt 2 im Kasten «Methode»). Um die Monate mit aussergewöhnlich hohen Sterberaten zu eruieren, werden diese Werte mit den monatlichen Durchschnittswerten der Jahre 2015 bis 2019 verglichen (vgl. Punkt 3 im Kasten «Methode»).
Wann wurde in den vergangenen drei Jahren
eine erhöhte Sterblichkeit beobachtet?
2020 wiesen zwei Zeiträume deutlich mehr Todesfälle auf als in den Vorjahren (vgl. Grafik G1): April (+26%) sowie November bis Dezember (+66% bzw. +61%). Aufgrund der unterschiedlichen Anzahl Tage pro Monat und um den Vergleich nicht zu verfälschen, wird zur Berechnung der durchschnittliche Tageswert des jeweiligen Monats herangezogen. 2021 wurde im Januar (+20%) sowie im November und Dezember (+16% bzw. +28%) eine höhere Sterblichkeit registriert, wobei diese nicht so hoch ausfiel wie im Vorjahr. In den meisten Monaten des Jahres 2022 übertraf die Zahl der Todesfälle den Wert der entsprechenden Monate im Zeitraum 2015–2019. 2022 lag die Zahl der Todesfälle in drei Zeiträumen mehr als 10% über den Durchschnittswerten von 2015–2019: im März/April, von Juni bis August sowie von Oktober bis Dezember. Die grössten Abweichungen wurden im Juli (+19%) und im Dezember (+25%) verbucht.
Die standardisierten Sterberaten bestätigen die Beobachtungen der Bruttowerte (vgl. Grafik G2). So ergibt sich zwischen den Werten von November 2020 (12,6 Todesfälle pro 1000 Personen) und dem durchschnittlichen Novemberwert der Jahre 2015–2019 (8,1 pro 1000 Personen) eine relative Abweichung von 56%. Zwischen den im Dezember 2020 beobachteten Werten (12,9 pro 1000 Personen) und dem durchschnittlichen Dezemberwert der Jahre 2015–2019 (8,5 pro 1000 Personen) beläuft sich die Abweichung auf 51%.
Unterscheidet sich die Entwicklung
nach Geschlecht oder Alter?
Bei den Männern weicht die in den verschiedenen Höchstständen der Jahre 2020, 2021 und 2022 beobachtete Anzahl Todesfälle stärker von den Durchschnittswerten der Jahre 2015 bis 2019 ab als bei den Frauen. Im April 2020 belief sich der Anteil der zusätzlichen Todesfälle bei den Männern auf 28%, bei den Frauen hingegen auf 23%. Im November 2020 wurden bei den Männern 73% mehr Todesfälle verzeichnet, bei den Frauen 59% mehr; die entsprechenden Dezemberwerte belaufen sich auf +65% und +58%. Im Januar 2021 ereigneten sich bei den Männern 27% zusätzliche Todesfälle, bei den Frauen 15%. Für Dezember 2021 betrugen die Abweichungen +31% bzw. +26%. Im Verlauf des Jahres 2022 hat sich die Situation gewendet, sodass Ende Jahr die Frauen höhere Abweichungen aufwiesen: Im Dezember 2022 wurden bei den Frauen 28% zusätzliche Todesfälle und bei den Männern 21% mehr Todesfälle registriert. Auch die standardisierten Sterberaten, in denen die unterschiedliche Altersstruktur der in der Schweiz lebenden Männer und Frauen neutralisiert ist (vgl. Punkt 2 im Kasten «Methode»), bestätigen bei den Männern höhere Werte als bei den Frauen, mit Ausnahme von Dezember 2022 (vgl. Grafik G3). Im November 2020 beispielsweise wurde bei den Männern ein Wert von 16,1 Todesfällen pro 1000 Personen verzeichnet (+63%), bei den Frauen hingegen von 10,1 (+48%). Somit waren die Männer diesbezüglich stärker von der Pandemie betroffen.
Die Sterblichkeit der Personen zwischen 0 und 64 Jahren wich im Zeitraum 2020–2022 kaum von den Werten der Jahre 2015–2019 ab. Die monatlichen Werte fallen nicht wesentlich höher aus als in der Referenzperiode. Aufgrund der Spitzenwerte in der Gesamtbevölkerung liegen sie dennoch etwas über den Werten der entsprechenden Monate in den Vergleichsjahren (vgl. Grafik G4). Bei den Personen ab 65 Jahren hingegen wurden in den drei Pandemiejahren deutlich mehr Todesfälle beobachtet als gewöhnlich. Folgende Monate verzeichneten erhebliche Abweichungen im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2015–2019: April 2020 (+28%), November 2020 (+75%) und Dezember 2020 (+69%), Januar 2021 (+22%), November 2021 (+19%) und Dezember 2021 (+30%) sowie Juli 2022 (+20%) und Dezember 2022 (+28%). Die standardisierten Sterberaten bestätigen die deutlichen relativen Abweichungen. Am stärksten hat sich die Anzahl der Todesfälle in diesem Zeitraum bei den Personen ab 80 Jahren verändert.
Wie sieht die Situation in den Kantonen aus?
Die höchste standardisierte Sterberate im Zeitraum 2020–2022 wurde im Kanton Appenzell Innerrhoden im November 2020 mit 24,1 Todesfällen pro 1000 Personen beobachtet. Im November 2020 wurden somit 35 Todesfälle verzeichnet, gegenüber durchschnittlich 10,2 Todesfällen zwischen 2015 und 2019, wobei sich der tiefste Novemberwert zwischen 2015 und 2019 bei 7 Todesfällen und der Höchstwert bei 12 Todesfälle lag. Es folgten die Kantone Freiburg und Wallis mit Sterberaten von 19,2 bzw. 18,1 im gleichen Monat. Der vierthöchste Wert wurde im Januar 2021 im Kanton Glarus (17,6) registriert, gefolgt von St. Gallen (17,4 im Dezember 2020). Anders als in den anderen Kantonen scheint die Zahl der Todesfälle in Nidwalden während der ersten Höchststände in der Schweiz nicht wesentlich angestiegen zu sein. Allerdings wies Nidwalden im Dezember 2021 eine höhere Sterberate auf als üblich (10,9), wobei dieser Wert weit vom Höchstwert dieses Monats entfernt liegt. Diesen verbuchte der Kanton Jura mit 15,1. Zu Beginn der Pandemie im März 2020 waren die Sterberaten nur in wenigen Kantonen ungewöhnlich hoch. Hierzu gehörten die Kantone Tessin (12,1), Basel-Stadt (11,8), Waadt (9,9) und Genf (9,2). Andere Kantone wie Appenzell Innerrhoden (11,8) wiesen gleich hohe Werte auf. Aufgrund der geringen Bevölkerungszahl, die mit relativ starken Zufallsschwankungen verbunden ist, kann jedoch nicht zwingend davon ausgegangen werden, dass die Werte tatsächlich ungewöhnlich hoch sind. Im April 2020 lagen die Werte im Tessin sowie in allen französischsprachigen Kantonen (mit Ausnahme des Kantons Jura) deutlich über den üblichen Aprilwerten (vgl. Grafik G5). Die Deutschschweizer Kantone bekamen die Auswirkungen der Pandemie deutlich weniger stark zu spüren.
Fazit
In den vergangenen drei Jahren war die Sterblichkeit in der Schweiz mehrmals aussergewöhnlich hoch. Die höchsten Werte wurden im November und Dezember 2020 verzeichnet. Während die grippebedingten Höchstwerte in der Regel in die Wintermitte (Januar oder Februar) fallen, traten die coronabedingten Spitzenwerte Ende Herbst auf. Die Männer waren stärker betroffen als die Frauen, auch wenn sich die Situation 2022 änderte. Das grösste Risiko für eine erhöhte Sterblichkeit wiesen Personen ab 80 Jahren auf, wohingegen Personen unter 65 Jahren kaum von diesem Risiko betroffen waren. In der ganzen Schweiz wurden ungewöhnlich hohe Sterberaten verzeichnet. Zu Beginn der Pandemie waren die Sterberaten allerdings einzig in den französischsprachigen Kantonen und im Tessin besonders hoch. Werden die Sterberaten auf diesem hohen Niveau bleiben oder durch die besonders hohe Sterblichkeit während der Pandemie ausgeglichen? Diese Frage wird sich erst nach einer längeren Beobachtung der Sterberaten in den kommenden Jahren beantworten lassen.
Raymond Kohli, BFS
Methode
1) Um die Analyse auf möglichst aktuelle Werte zu stützen, wurden die provisorischen Daten für das Jahr 2022 verwendet. Sie entsprechen den Ergebnissen, die das BFS am 4. April 2023 veröffentlicht hat. In den provisorischen Daten fehlen einige spät gemeldete Todesfälle, die in den definitiven Zahlen enthalten sind.
2) Die Berechnung der standardisierten Sterberaten basiert auf einer Standardbevölkerung mit festgelegter Altersstruktur. Dabei werden die tatsächlich beobachteten Sterberaten auf die gleichaltrige Standardbevölkerung hochgerechnet. Daraus ergeben sich die Todesfälle nach Alter. Anschliessend wird diese Summe durch die Gesamtzahl der Standardbevölkerung geteilt, was die standardisierten Sterberaten ergibt. Abweichungen der Sterblichkeit aufgrund von Bevölkerungswachstum und -alterung werden mit dieser Methode neutralisiert. Auf diese Weise können auch die Sterberaten verschiedener Bevölkerungsgruppen mit stark unterschiedlichen Altersstrukturen miteinander verglichen werden (z. B.: Männer/Frauen, Kantone). Die für diese Analyse berechneten standardisierten Sterberaten basieren auf der europäischen Standardbevölkerung gemäss Eurostat 2013 (Revision of the European Standard Population [KS-RA-13-028], Eurostat, 2013).
3) Um das Ausmass der Abweichungen hinsichtlich Sterblichkeit in den Jahren 2020, 2021 und 2022 beurteilen zu können, muss eine Referenzperiode herangezogen werden. Der Zeitraum 2015–2019 wurde aus den folgenden zwei Gründen gewählt: Zum einen liegt er weder zu weit zurück, noch ist er zu lange, sodass sich die nicht coronabedingten Todesursachen nicht wesentlich von jenen der Jahre 2020–2022 unterscheiden. Zum anderen wiesen die monatliche Zahl der Todesfälle und die Sterberaten zwischen 2015 und 2019 – abgesehen von einigen Ausnahmen – regelmässige Schwankungen auf.
Entwicklung der Todesfälle im Tessin
in den Jahren der Covid-19-Pandemie
Dieser Beitrag geht vertieft auf die Entwicklung der Todesfälle im Kanton Tessin während der Covid-19-Pandemie ein und stützt sich dabei auf die aktuell verfügbaren definitiven Daten für 2020 bis 2022. Wie im Folgenden ausgeführt, gehörte das Tessin nicht nur zu den Kantonen, die als Erste mit der Pandemie in Kontakt kamen, sondern auch zu den am stärksten betroffenen Kantonen, was die Anzahl Todesfälle angeht. Dieser Umstand ist nicht zuletzt der Altersstruktur, d. h. dem hohen Anteil älterer Personen zuzuschreiben. Über die Todesfallzahlen hinaus kann der Einfluss von Covid-19 heute auch anhand der Daten zu den Todesursachen analysiert werden.
Gemäss den vorliegenden Daten starben im Jahr 2020, in dem die SARS-CoV-2-Pandemie ausgebrochen war, im Tessin 4067 Personen, was einer Übersterblichkeit von 878 Todesfällen gegenüber dem Durchschnitt der vorhergehenden fünf Jahre entspricht (2015–2019: durchschnittlich 3180 Todesfälle).
Dieser Wert lässt indessen noch keine Schlüsse zur Gesamtauswirkung der Pandemie auf die Anzahl Todesfälle zu. Die Auswirkungen können sich nämlich auf unterschiedliche Weise zeigen: Erstens gibt es den direkten Einfluss der Krankheit (die Person steckt sich mit dem Virus an, wird krank und stirbt), zweitens den verstärkenden Einfluss (die Person leidet an anderen Krankheiten, die sich nach der Ansteckung mit Covid-19 verschlimmern) und drittens einen indirekten Einfluss im Zusammenhang mit Verhaltensweisen während und nach den ersten Pandemiewellen, die nicht direkt die Infektion betreffen, aber zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustands bis hin zum Tod führen können (z. B. weniger Bewegung, eine Depression oder das Aufschieben von Arztbesuchen). Wie sich die Pandemie auf die Todesfälle ausgewirkt hat, ist folglich nicht leicht zu bestimmen. Um etwas besser zu verstehen, wann und wie Covid-19 die Bevölkerung getroffen hat, müssen die Angaben zu den Todesursachen einbezogen werden. Aus den am 29. August 2022 veröffentlichten Daten zu den Todesursachen ist beispielsweise ersichtlich, dass 2020 im Tessin 790 Todesfälle auf Covid-19 Statistik der Todesursachen und Totgeburten (eCOD), Bundesamt für Statistik, Neuchâtel (als Haupttodesursache, mit oder ohne andere Krankheiten) zurückzuführen waren. Das entspricht 19,4% sämtlicher Todesfälle, womit Covid-19 nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs die dritthäufigste Todesursache war.
2021 sank die Anzahl Todesfälle (3118 Fälle) wieder ungefähr auf den Durchschnittswert vor der Pandemie (durchschnittlich 3180 in den Jahren 2015–2019); auf Covid-19, das dennoch die dritthäufigste Todesursache3 blieb, entfielen 8,8% der Todesfälle. 2022 wurden 3532 Todesfälle und damit etwas mehr als im Durchschnitt 2015–2019 verzeichnet. Für 2022 liegen jedoch noch keine Informationen zu den Todesursachen vor, weshalb die Zunahme der Todesfälle schwer zu interpretieren ist.
Um die Situation des Kantons Tessin zu verstehen, müssen zunächst kurz die demografischen Merkmale erläutert werden, die in der akuten Phase der SARS-CoV-2-Pandemie sicherlich eine bedeutende Rolle gespielt haben.
Demografische Situation vor der Pandemie
In den vergangenen 40 Jahren ist die Bevölkerung des Tessins um 83 433 Personen gewachsen, wobei die Zahl der Personen ab 65 Jahren im selben Zeitraum um 41 346 zulegte. Diese ausgeprägte Überalterung, die das Tessin zum Kanton mit dem höchsten Anteil an Personen ab 65 Jahren macht (23,4%, gegenüber 19,0% im schweizweiten Durchschnitt 2021), ist ein wesentlicher Faktor, den es bei der Betrachtung vergangener und aktueller Entwicklungen der Todesfälle zu berücksichtigen gilt (vgl. Grafik G6).
Auch die Anzahl Todesfälle ist innert 40 Jahren kontinuierlich gestiegen: Nach einigen relativ konstanten Jahren ist deren Zahl von 2457 im Jahr 1985 auf 3238 im Jahr 2019 angewachsen (+781 Fälle, +31,8%), wobei sich die Zunahme ab 2008 beschleunigte. Bis dahin lag der jährliche Durchschnitt noch bei 2700 Todesfällen, zwischen 2009 und 2019 wurden dann durchschnittlich 3055 gezählt.
Dieser Anstieg lässt sich wie bereits erwähnt unter anderem mit dem Wachstum der Tessiner Bevölkerung und insbesondere der älteren Bevölkerung erklären: Die Daten zur natürlichen Bevölkerungsbewegung bestätigen, dass die Todesfälle bei den Personen ab 65 Jahren im entsprechenden Zeitraum um 10% zugenommen haben, während sie bei den unter 65-Jährigen um 11,9% zurückgegangen sind.
Die Übersterblichkeit 2020
Um die Situation während der Coronapandemie zu analysieren, werden für einen Gesamtüberblick in einem ersten Schritt die Jahresdaten angeschaut. Danach werden für eine präzisere Darstellung der Situation in den letzten drei Jahren die wöchentlichen Daten beigezogen.
Wie einleitend angesprochen, wurde 2020 eine Übersterblichkeit Eine Über- bzw. Untersterblichkeit liegt vor, wenn der verzeichnete Wert ausserhalb der Bandbreite der für den betrachteten Zeitraum erwarteten Werte liegt. von 871 Personen beobachtet, die nahezu ausschliesslich die ältere Bevölkerung betraf. Die rohe Sterberate stieg von 9,2 Todesfällen pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner im Jahr 2019 auf 11,6 im Jahr 2020 an, bei den Personen ab 65 Jahren war die Entwicklung aber noch deutlich ausgeprägter: Hier schnellten die Todesfälle von 35,5 auf 44,5 pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner der betreffenden Altersklasse. In Bezug auf die Geschlechter zeigte sich eine leichte Übervertretung der Männer (51,2% der Todesfälle). Diese trat jedoch auch in den vorangehenden fünf Jahren auf (52,6%).
Eine detailliertere Betrachtung ergibt, dass die Anzahl Todesfälle im Tessin in den ersten Wochen 2020 leicht unter dem Durchschnitt der entsprechenden Periode der vorangehenden fünf Jahre lag, ab der achten Woche stieg sie hingegen deutlich an. Der Höhepunkt der ersten Welle wurde in der 14. Woche erreicht (164 Todesfälle), im Sommer blieben die Todesfälle anschliessend auf dem erwarteten Niveau. In der zweiten Welle 2020 wurde in der 52. Woche mit 138 Todesfällen der Spitzenwert verzeichnet. Obwohl der Höchstwert der zweiten Welle unter demjenigen der ersten lag, verursachte sie letztlich mehr Todesfälle, da sie sich über mehr Wochen erstreckte als die erste Welle.
Die im Jahr 2020 beobachtete Übersterblichkeit traf die ältere Bevölkerung des Kantons besonders hart. Bei den Personen ab 65 Jahren wurde 2020 während 16 Wochen eine Übersterblichkeit verzeichnet (vgl. Grafik G7), mit in diesem Zeitraum insgesamt 824 Todesfällen mehr als erwartet. Bei den unter 65-Jährigen zeigte sich nur in sechs Wochen eine Übersterblichkeit, wobei insgesamt 47 Personen mehr starben als erwartet.
Die Übersterblichkeit 2021 und 2022
Weiter zeigt sich auf Ebene der wöchentlichen Daten, dass der Jahresbeginn 2021 in die akuteste Phase der zweiten Welle fällt – der Höhepunkt liegt genau am Übergang zwischen den beiden Jahren – und dass die ersten drei Wochen entsprechend von einer Übersterblichkeit geprägt sind. Darauf folgen mehrere Wochen mit einer hohen Anzahl Todesfälle, die jedoch kontinuierlich zurückgehen. Über den Rest des Jahres sind jedoch keine weiteren Übersterblichkeitsperioden zu verzeichnen. Die erste Woche 2022 beginnt wiederum mit einer Übersterblichkeit, die sich über das ganze Jahr weitere acht Male wiederholt, verteilt über den Sommer, Herbst und Winter. Anhand der Statistiken lässt sich eine geringere Übersterblichkeit durch Covid-19, aber keine geringere Verbreitung von Covid-19 feststellen. Aus den vom Kantonsarztamt Die Daten sind auf der Seite des Kantonsarztamts verfügbar (https://www4.ti.ch/dss/dsp/covid19/popolazione/situazione-epidemiologica) veröffentlichten Daten zu den Hospitalisierungen geht hervor, dass die Spitäler mehrmals stark ausgelastet waren, die Krankheit aber weniger häufig tödlich verlief als noch 2020. Die Abnahme der Todesfälle fällt mit dem Beginn der Impfkampagne zusammen, die Anfang 2021 vorrangig auf die ältere Bevölkerung ausgerichtet war und in den folgenden zwei Jahren auf alle Altersgruppen ausgeweitet wurde.
Insgesamt führten die Wochen der Übersterblichkeit im Jahr 2021 zu 92 zusätzlichen Todesfällen, 2022 waren es dann 242. Beide Werte liegen somit deutlich unter jenen der Übersterblichkeit von 2020, was verschiedenen Faktoren geschuldet ist. Gemäss der Statistik zu den Todesursachen 2021 beliefen sich die Todesfälle wegen Covid-19 (mit oder ohne andere Krankheiten) auf 275, während in den Wochen der Übersterblichkeit 92 Todesfälle mehr auftraten als aufgrund der Zeit vor Covid-19 erwartet. Diese scheinbare Diskrepanz zwischen den verzeichneten und den erwarteten Zahlen kann mehrere Gründe haben: beispielsweise die tiefere Zahl der besonders gefährdeten und für einen ungünstigen Krankheitsverlauf potenziell anfälligeren Personen, da viele von diesen bereits 2020 gestorben waren (und vermutlich in den Folgejahren gestorben wären), oder der geringere Einfluss der Grippe-Epidemien 2021 dank der Massnahmen zur Pandemiebekämpfung (z. B. Maskentragen, Hände- und Oberflächendesinfektion, Abstandhalten). Aufgrund dieses Faktors wurden die für das betreffende Jahr erwarteten Todesfälle vermutlich überschätzt.
Den Verlauf im Jahr 2022 gilt es hingegen mit Vorsicht zu interpretieren, da die Angaben zu den Todesursachen noch nicht verfügbar sind. Die leichte Zunahme der Todesfälle lässt verschiedene Erklärungsansätze zu: Man denke beispielsweise an die Hitzeperioden, die möglicherweise mehr Todesfälle verursacht haben als erwartet, oder die Verbreitung des Grippevirus, die ihren Höhepunkt bereits in den letzten Wochen des Jahres erreichte, während dies normalerweise erst Ende Januar des Folgejahres der Fall ist, was sich ebenfalls auf die Anzahl Todesfälle ausgewirkt haben kann. Nicht zu vergessen ist schliesslich auch, dass die Todesfälle im Tessin in den letzten 40 Jahren kontinuierlich angestiegen sind und sich diese Entwicklung in den nächsten Jahren fortsetzen dürfte.
Vergleich mit der Gesamtschweiz
Die Anzahl Todesfälle zwischen verschiedenen Bevölkerungen kann aufgrund deren unterschiedlicher Grösse nicht direkt verglichen werden. Für den Vergleich zwischen dem Tessin und dem Rest der Schweiz werden deshalb zuerst die standardisierten Sterberaten herangezogen. Anhand dieser können Bevölkerungen mit unterschiedlicher demografischer Struktur miteinander verglichen werden, hier die Tessiner Bevölkerung mit der der Gesamtschweiz. Diese Raten weisen keinen direkten Bezug zur tatsächlichen Situation mehr auf, weshalb sie sich von den eingangs vorgestellten Sterberaten unterscheiden.
Zwischen 2015 und 2019 lag die standardisierte Sterberate im Tessin unter jener für die ganze Schweiz (vgl. Grafik G8). 2020 führte die Covid-19-Pandemie jedoch zu einer höheren Anzahl Todesfälle pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner im Tessin gegenüber dem nationalen Wert. Danach sank die Sterblichkeit im Tessin 2021 wieder auf Werte unter jenen der Gesamtschweiz.
Die Betrachtung der standardisierten Raten, die wie erwähnt den Einfluss der Altersstruktur aufheben, bestätigt, dass die demografische Situation des Tessins einen Einfluss auf die Sterblichkeitszahlen hat: In einer jüngeren Bevölkerung, wie beispielsweise jener der Gesamtschweiz, würde die Sterblichkeit in den verschiedenen Altersgruppen im Tessin zu insgesamt weniger Todesfällen führen als beobachtet.
Ein weiterer Indikator, mit dem verschiedene Gebiete miteinander verglichen werden können, ohne dass hier Daten zu den betreffenden Bevölkerungen notwendig sind, ist der P-Score. Dieser Indikator misst die prozentuale Abweichung zwischen dem beobachteten und dem erwarteten Wert, womit eine intuitive Deutung möglich wird (z. B. je höher die prozentuale Abweichung, umso grösser die Zunahme der Todesfälle) und die Unterschiede in der Bevölkerungsstruktur «neutralisiert» werden. Überdies kann der Indikator auch entsprechend der wöchentlichen Entwicklung bestimmt werden.
Die Grafik G9 zeigt klar die erste und die zweite Welle der Covid-19-Pandemie 2020, die das Tessin gemäss dem P-Score stärker getroffen haben als die Schweiz als Ganzes (bei der prozentualen Abweichung sind grössere Ausschläge zu verzeichnen), aber während einer weniger langen Zeit (23 Wochen im Tessin gegenüber 27 für die Gesamtschweiz).
2021 sind im Vergleich zu 2020 hingegen keine besonderen Spitzen des P-Score auszumachen. Die Anzahl Wochen, in denen der Indikator im negativen Bereich liegt, fällt für das Tessin höher aus als für die Gesamtschweiz (33 gegenüber 24 Wochen), was in diesen Wochen eine höhere Inzidenz der Todesfälle nördlich der Alpen bedeutet. Im Jahr 2022 sieht die Situation wieder anders aus. Die Wochen mit einem negativen P-Score gehen drastisch zurück (das Tessin verbucht 9, die Gesamtschweiz gar keine mehr) und auch die Werte steigen deutlich an, insbesondere im Tessin, was auf eine Zunahme der Anzahl Todesfälle im Tessin wie auch auf nationaler Ebene hindeutet.
Fazit
Dieser Beitrag befasst sich mit der Entwicklung der Todesfälle im Jahr 2020 und in den folgenden Jahren, die durch die Verbreitung des Coronavirus geprägt waren. Die Zahlen zur Übersterblichkeit 2020 zeigen klar, wie aussergewöhnlich die betrachtete Situation gegenüber den bisherigen Beobachtungen ausfiel. Die Daten zu den Todesursachen zeigen auch, dass Covid-19 zu den häufigsten Todesursachen gehört (als Haupttodesursache, mit oder ohne Begleiterkrankungen), zumindest während des Untersuchungszeitraums, wenn auch mit geringeren Anteilen als Krebs und Krankheiten des Kreislaufsystems. Diese beiden Ursachen machen zusammen mehr als die Hälfte aller Todesursachen aus. Nicht nur im Jahr 2020, sondern auch 2021 und 2022 Die Daten liegen nur bis Juni 2022 vor. war es die dritthäufigste Todesursache im Tessin und die vierthäufigste auf nationaler Ebene.
Als Erklärungsgrund für die Übersterblichkeit im Tessin kann unter anderem seine besondere Altersstruktur angeführt werden: Der Kanton verzeichnet schweizweit den höchsten Anteil an Personen ab 65 Jahren, was ihn während der Pandemie besonders anfällig machte.
Matteo Borioli, Ufficio di statistica (USTAT)
Definitionen
Standardisierte Sterberate
Bei der Beurteilung der Sterblichkeit gilt es zu berücksichtigen, dass die Altersstruktur einer Bevölkerung einen starken Einfluss auf die rohe Sterberate haben kann. Aus diesem Grund wird die standardisierte Sterberate (direkte Standardisierung) berechnet, die zeitliche und räumliche Vergleiche unterschiedlicher Bevölkerungen ermöglicht. Sie ist ein künstlich konstruierter Indikator, der nicht genau dem tatsächlichen Wert entspricht, sondern einer Messung der Sterblichkeit, wenn die untersuchte Bevölkerung die gleiche Altersverteilung aufweisen würde wie jene der Referenzbevölkerung. In diesem Beitrag ist die Referenzbevölkerung die Bevölkerung der Schweiz im Jahr 2021. Die Formel für die Berechnung lautet wie folgt: SR = ∑(Refbev x × RRAlter x) ⁄ ∑Refbev x
SR: standardisierte Sterberate
Refbev x: Referenzbevölkerung im Alter von x
RRAlter x: spezifische rohe Sterberate im Alter von x
P-Score:
Mit dem P-Score kann prozentual, einfach und intuitiv die Anzahl unerwarteter Todesfälle zwischen verschiedenen Bevölkerungen verglichen werden. Er ergibt sich aus dem Verhältnis zwischen den unerwarteten Todesfällen, berechnet durch Abzug der erwarteten von den beobachteten Todesfällen, und den erwarteten Todesfällen. Das Resultat wird als Prozentzahl angegeben. P-Score = ((beobachtete Todesfälle − erwartete Todesfälle) ⁄ erwartete Todesfälle) × 100
Bibliografie
Borioli M. (2021) Analisi della sovramortalità in Ticino nel 2020. Bellinzona. (Extra dati, A. XXI, n. 03, aprile 2021)
Blohm C., Junker C., Weitkunat R., von Muralt K. (2022) Öffentliche Statistiken zu Todesfällen, Übersterblichkeit, Todesursachen und meldepflichtigen Erkrankungen. Neuchâtel.
Wie haben sich Geburten, Eheschliessungen und Scheidungen in der Schweiz während
der Pandemiejahre entwickelt?
Die Covid-19-Pandemie und die ergriffenen Eindämmungsmassnahmen hatten grosse Auswirkungen auf die Gesellschaft. Dieser Artikel befasst sich mit den Geburten, Eheschliessungen und Scheidungen zwischen 2018 und 2022 und analysiert deren Entwicklung vor, während und nach den Pandemiejahren.
Im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat sich die Häufigkeit der beobachteten demografischen Ereignisse in der Schweiz verändert. Während in der Bevölkerung immer weniger Ehen geschlossen wurden, ging die Geburtenzahl zunächst drastisch zurück, stabilisierte sich dann aber bei rund 10 Geburten pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner (vgl. Tabelle T1). Die Scheidungen hingegen stiegen insbesondere zwischen den späten 1960er-Jahren und dem Jahr 2010, als der Rekordwert von 22 081 Scheidungsurteilen verbucht wurde, an. Die Entwicklung ab Ende des 20. Jahrhunderts und vor allem die Spitzenwerte zwischen 1999 und 2022 sind auf verschiedene Änderungen im Scheidungsrecht zurückzuführen. Seit 2010 ist die Zahl der Scheidungen insgesamt rückläufig. Welche Erkenntnisse lassen sich vor diesem Hintergrund konkret für die Jahre 2018 bis 2022 gewinnen? Da die Ehe für alle vor der Pandemie noch nicht in Kraft war, werden für diesen Artikel aus Gründen der Vergleichbarkeit lediglich Ehen zwischen Personen unterschiedlichen Geschlechts berücksichtigt. Wie entwickelten sich die Geburten, Eheschliessungen und Scheidungen in der Zeit vor der Pandemie (2018/2019)? Hat die Pandemie die Entwicklung dieser demografischen Ereignisse 2020 und 2021 beeinflusst? Wie sah die Situation im Jahr 2022 aus? Der vorliegende Artikel versucht diese Fragen zu beantworten.
Indikatoren der natürlichen
Bevölkerungsentwicklung, 1900–2022T1
| Pro 1000 Einwohner/-innen | 1900 | 2010 | 2018 | 2019 | 2020 | 2021 | 20221 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Lebendgeburten | 28,6 | 10,3 | 10,3 | 10,0 | 9,9 | 10,3 | 9,3 |
| Eheschliessungen | 7,7 | 5,5 | 4,8 | 4,5 | 4,1 | 4,2 | 4,6 |
| Scheidungen | 0,3 | 2,8 | 1,9 | 2,0 | 1,9 | 2,0 | 1,8 |
12022: provisorische Daten
Quellen: BFS – BEVNAT, ESPOP, STATPOP
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Geburten
Vor der Pandemie war die Geburtenzahl in der Schweiz rückläufig. Sie hatte sich von 87 851 im Jahr 2018 auf 86 172 im Jahr 2019 und auf 85 914 im Jahr 2020 verringert. Zwischen 2018 und 2019 sank ihre Anzahl somit um 1679 Geburten bzw. 1,9%. Zwischen 2019 und 2020 war der Rückgang minim (–258 Geburten; –0,3%). Aufgrund der Dauer einer Schwangerschaft zeigten sich die Auswirkungen in der gesamten Schweiz im Jahr 2020 erst neun Monate nach Beginn der Pandemie. Im März 2020 begann in der Schweiz mit der Erklärung der ausserordentlichen Lage der erste Lockdown. Haben die Pandemie und die verordneten Einschränkungen Die schweizweit getroffenen Massnahmen hatten zum Ziel: die Verbreitung des Coronavirus (Covid-19) in der Schweiz zu verhindern oder einzudämmen; die Häufigkeit von Übertragungen zu reduzieren, Übertragungsketten zu unterbrechen und lokale Ausbrüche zu verhindern oder einzudämmen; besonders gefährdete Personen zu schützen; die Kapazitäten der Schweiz zur Bewältigung der Epidemie sicherzustellen, insbesondere zur Aufrechterhaltung der Bedingungen für eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit Pflege und Heilmitteln. die Geburtenzahl ansteigen lassen oder eher gebremst? Wie bei Wirtschaftskrisen hätte man erwarten können, dass die Angst vor Arbeitslosigkeit und die unsichere Zukunft einen Teil der Paare mit Kinderwunsch dazu veranlassen, die geplante Elternschaft aufzuschieben. Anders als in anderen Ländern ist die Geburtenzahl in der Schweiz neun Monate nach Pandemiebeginn aber angestiegen; im Dezember 2020 wurden 6875 Kinder geboren (vgl. Grafik G10), deren Zeugungsdatum mehrheitlich im März 2020 liegen dürfte. Gegenüber der Geburtenzahl von Dezember 2019 (6803) wurde damit ein leichter Anstieg um 1,5% verzeichnet. In den Folgemonaten wurde der gleiche Trend beobachtet: Im Januar (+4,7%), Februar (+2,0%) und März 2021 (+6,6%) wurden mehr Geburten verzeichnet als in den entsprechenden Vorjahresmonaten, wobei das Zeugungsdatum in den ersten Lockdown Der erste Lockdown dauerte von März 2020 bis Juni 2020. fällt. Zwischen Januar und März 2021 wurden somit 934 Kinder mehr geboren als in der entsprechenden Vorjahresperiode, was einer Zunahme um 4,5% entspricht. Auch lagen die Geburtenzahlen über jenen der entsprechenden Perioden der Jahre 2018 und 2019.
Zwischen Juli und Oktober 2021 (Zeugungsdatum während des zweiten Lockdowns Der zweite Lockdown dauerte von Oktober 2020 bis Januar 2021. ) wurden ebenfalls mehr Geburten registriert : In diesem Zeitraum lag die Geburtenzahl 5,5% über der entsprechenden Vorjahresperiode (+1629 Kinder gegenüber 2020). Auch die Geburtenzahl der Monate September und Oktober 2021 übertrafen die entsprechenden Monatswerte der Jahre 2018 und 2019.
Vertiefte Analysen zeigen, dass die zwischen Januar und März 2021 sowie zwischen Juli und Oktober 2021 verzeichneten Geburten häufiger das zweite oder weitere Kinder betrafen als das erste Kind. Zudem war bei den zweiten oder weiteren Geburten ein stärkerer Anstieg gegenüber den beiden oben genannten Zeiträumen zu beobachten als bei den Erstgeburten (+7,3% bzw. +7,0% bei den zweiten und weiteren Geburten, +1,4% bzw. +3,9% bei den Erstgeburten).
Aus Studien des französischen Instituts für demografische Studien (Institut national d’études démographiques, INED) sowie von Eurostat in Luxemburg geht hervor, dass Paare in der Regel Voraussetzungen festlegen, die vor der Geburt des ersten Kindes erfüllt sein müssen (z. B. abgeschlossene Ausbildung, eigene Wohnung, stabile Paarbeziehung). Dabei zeigen sich Paare während Krisenzeiten weniger bereit, Eltern zu werden. Die Geburt des zweiten Kindes ist weniger an die genannten Voraussetzungen geknüpft; sie hängt stärker von Faktoren wie dem gewünschten Altersunterschied der Kinder ab. Bei Personen, die bereits ein Kind haben, scheinen Krisen geplante Schwangerschaften somit nicht zu beeinflussen.
Interessant ist auch, dass die Geburtenzahl nach den beiden Lockdowns in der Deutschschweiz stärker angestiegen ist als in der französischen Schweiz (+5,6% bzw. +2,7% verglichen mit Januar–März 2020 und +6,0% bzw. +4,8% gegenüber Juli–Oktober 2020). In der italienischen Schweiz war die Veränderung negativ, d. h. die Geburtenzahl lag in den Beobachtungszeiträumen 2021 tiefer als in der Beobachtungsperiode 2020.
Während 2021 ein aussergewöhnlich geburtenstarkes Jahr war, ging die Geburtenzahl 2022 um 8,1% zurück (2021: 89 644 Geburten; 2022 : 82 371 Geburten). Diese Entwicklung zeigt sich in der rückläufigen Anzahl Erstgeburten (–7,0%) ebenso wie in jener der Zweit- und weiteren Geburten (–9,1%). Sowohl in den geburtenreichen als auch den geburtenarmen Monaten lagen die Monatswerte unter den entsprechenden Werten der Vorjahre (2018–2020).
Hierzu ist anzumerken, dass die Schweiz nicht das einzige Land mit einem Geburtenrückgang ist. Auch Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich verzeichnen sinkende Geburtenzahlen. Mit Beginn des Ukrainekriegs im Jahr 2022 und den damit verbundenen wirtschaftlichen Problemen kann man sich schon jetzt die Frage stellen, wie solche Ereignisse die Geburtenzahlen der kommenden Jahre beeinflussen werden.
Eheschliessungen
Ebenso wie bei den Geburten war auch bei den Eheschliessungen vor der Pandemie ein Rückgang zu beobachten (2018: 40 716; 2019: 38 974). 2020 lagen die Werte besonders tief: Mit 35 160 Eheschliessungen wurden 9,8% weniger Ehen geschlossen als im Vorjahr. Da während des ersten Lockdowns Einschränkungen für Familienzusammenkünfte und Versammlungen galten, war für diese Zeit ein markanter Rückgang zu erwarten. Die Analyse der monatlichen Daten zeigt, dass die Zahl der Eheschliessungen zwischen März und Juni 2020 tatsächlich deutlich abgenommen hat (vgl. Grafik G11): In diesem Zeitraum wurden 9685 Ehen geschlossen, verglichen mit durchschnittlich 14 824 Eheschliessungen in der entsprechenden Periode der Jahre 2018/2019. Der tiefste Wert wurde im April 2020 mit 1579 Eheschliessungen registriert (–47% gegenüber April 2019). So tief war der Wert letztmals im April 1970 gewesen.
Normalerweise beginnt im Monat Mai die Hochzeitssaison. Im Mai 2020 wurden aufgrund der Massnahmen während des ersten Lockdowns allerdings 42% weniger Ehen geschlossen als im Mai 2019 (2716 bzw. 4703). Danach stiegt die Zahl der Eheschliessungen wieder an und erreichte in den Sommermonaten die höchsten Werte, mit einem Höchststand im August (4613 Eheschliessungen). Anschliessend gingen die Eheschliessungen erneut zurück, wie es für Ende Jahr normal ist. Im Jahr 2020 wich der Monat Oktober jedoch von der üblichen Entwicklung anderer Jahre ab: Mit 3744 Eheschliessungen wurde der höchste Oktoberwert seit 2011 und verglichen mit dem Vorjahreswert eine Zunahme um 23% verzeichnet. Die Zahl der Eheschliessungen im November und Dezember 2020 bewegte sich im Rahmen der Werte des entsprechenden Zeitraums 2018/19.
Der Rückgang der Eheschliessungen und insbesondere der Erstheiraten im Jahr 2020 wirkte sich auf die Erstheiratsziffer aus. Erstmals seit seiner Einführung fiel dieser Indikator sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen unter 50%. Angesichts des Heiratsverhaltens im Jahr 2020 ist davon auszugehen, dass bei gleichbleibendem Verhalten nur 45,5% der ledigen Männer unter 50 Jahren und 49,9% der ledigen Frauen unter 50 Jahren je heiraten werden.
2021 trat eine Trendwende ein: Mit 36 410 Eheschliessungen lag der Wert 3,6% über jenem von 2020 – aber auch 6,6% unter jenem von 2019. Die Zunahme zwischen 2020 und 2021 entspricht somit einer Normalisierung. Die monatliche Verteilung der Eheschliessungen fällt ähnlich aus wie in den Jahren vor der Pandemie. Ab Februar 2021 stieg die Zahl der Eheschliessungen an, erreichte zwischen Mai und September den Höhepunkt und ging danach wieder zurück. Der zwischen März und Juni 2020 verzeichnete Tiefwert wurde durch einen Anstieg im gleichen Zeitraum von 2021 ausgeglichen. Zwischen März und Juni 2021 wurden mit 13 045 Eheschliessungen fast gleich viele Ehen geschlossen wie in den entsprechenden Monaten 2018/2019 (Durchschnitt vor der Pandemie: 14 824 Eheschliessungen).
2022 gaben sich 37 929 Paare unterschiedlichen Geschlechts offiziell das Ja-Wort (+1519 gegenüber 2021; +4,4%). Die Eheschliessungen verteilten sich ähnlich auf die Monate wie in den Jahren vor der Pandemie, mit Höchstwerten im Februar (+884 Eheschliessungen gegenüber Februar 2021; +47,9%), von April bis Juni (+877; +8,1%) und im September (+326; +7,8%). Die hohe Zahl der Eheschliessungen im Februar 2022 ist zu einem Grossteil auf den Palindromtag 22.02.2022 zurückzuführen: Rund ein Viertel der Februarehen von 2022 wurden an diesem Datum geschlossen.
Trotz der Zunahme in den Jahren 2021 und 2022 liegt die Zahl der Eheschliessungen immer noch unter den vor der Pandemie verzeichneten Werten. Die Entwicklung der Heiratshäufigkeit ist somit nach wie vor rückläufig.
Seit Inkrafttreten der Ehe für alle am 1. Juli 2022 sind zu den 37 929 Eheschliessungen von Paaren unterschiedlichen Geschlechts 778 Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren und 2231 Umwandlungen von eingetragenen Partnerschaften in eine Ehe hinzugekommen. Damit belief sich die Zahl der Eheschliessungen in der Schweiz im Jahr 2022 auf 40 938. Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie auf unserem Statistikportal: www.statistik.ch → Statistiken finden → 01 – Bevölkerung → Heiraten, eingetragene Partnerschaften und Scheidungen → Heiraten
Scheidungen
Vor der Pandemie tendierten die Scheidungszahlen nach oben: 2018 wurden 16 542 Ehen geschieden, im Jahr 2019 insgesamt 16 885. 2020 hingegen belief sich die Zahl der Scheidungsurteile auf 16 210, was gegenüber 2019 einem Rückgang um 4,0% entspricht. Mit lediglich 4790 Scheidungen weisen die ersten sechs Monate von 2020 aussergewöhnlich tiefe Werte auf (vgl. Grafik G12) Im ersten Halbjahr 2018 und 2019 lag der Durchschnittswert bei 5671. Die Scheidungszahl ist im selben Zeitraum 2020 also deutlich zurückgegangen (–17,1% gegenüber 2019). In der zweiten Jahreshälfte 2020 stieg die Scheidungszahl an (+3,5% verglichen mit dem zweiten Halbjahr 2019). Der höchste Wert (1752 Scheidungen) wurde im September verzeichnet, was einem Fünftel aller Scheidungen der zweiten Jahreshälfte 2020 entspricht. Die Zunahme im zweiten Halbjahr reichte nicht aus, um den Rückgang der Scheidungszahl im ersten Halbjahr auszugleichen.
Die saisonbedingten Schwankungen stehen in Zusammenhang mit den schweizerischen Gerichtsferien (Art. 145 der Schweizerischen Zivilprozessordnung, ZPO). So gehen die Scheidungszahlen jedes Jahr über Ostern sowie im Juli und im Dezember, d. h. während der Gerichtsferien, zurück. Im Rahmen des ersten Lockdowns beschloss der Bundesrat, die Dauer der Osterferien zu verlängern, woraufhin die Gerichte von 21. März bis und mit 19. April 2020 geschlossen blieben.
Einfache und rasche Verfahren wie gemeinsame Begehren können während der Gerichtsferien grundsätzlich dennoch eingeleitet oder fortgesetzt werden (Art. 145 Abs. 2 ZPO, SR 272). Auch Fälle mit vorsorglichen Massnahmen (Art. 276 ZPO) können in dieser Zeit behandelt werden. Da dem BFS die gesetzlichen Gründe der Scheidungen nicht mehr vorliegen, ist für den Beobachtungszeitraum keine statistische Analyse nach Scheidungsart mehr möglich.
Ein zentraler Aspekt bei der Interpretation der Entwicklung der Scheidungshäufigkeit «ist die Frage, inwieweit der Anstieg [oder der Rückgang] der Scheidungszahlen auf strukturelle Veränderungen (Anzahl jährlicher Eheschliessungen bzw. Zahl der bestehenden Ehen und deren Dauer) oder Verhaltensänderungen (Anstieg der Scheidungsneigung) zurückzuführen ist». Heiniger, 2009 Ausserdem sind exogene Faktoren zu berücksichtigen, die einen Einfluss auf die Zahl der Scheidungsverfahren und Scheidungsurteile haben können. So führten die pandemiebedingten Struktur- und Verhaltenseffekte zu einer drastischen Senkung der Scheidungsneigung (negative Verhaltenseffekte). Die Struktureffekte spielten hingegen eine kleinere Rolle.
2021 war eine Trendwende festzustellen: Die Scheidungszahl stieg erneut an und belief sich auf 17 159 Scheidungsurteile, was verglichen mit 2020 einer Zunahme um 5,9% entspricht. Im ersten Halbjahr 2021 wurde ein starker Anstieg verbucht (+18,7%): Die Zahl der Scheidungsurteile betrug 9246, wobei 6149 Scheidungen auf die Monate März bis Juni entfielen (+28,4% gegenüber der entsprechenden Vorjahresperiode). Im zweiten Halbjahr war die Scheidungszahl insgesamt hingegen weniger hoch (–6,0% gegenüber 2020), obwohl im September und November 2021 Spitzenwerte verzeichnet wurden. Da die Verhaltenseffekte 2021 ausgeprägter waren, könnte es sich bei dieser Entwicklung gegebenenfalls um einen Nachholeffekt handeln, insbesondere im ersten Halbjahr 2021.
2022 wurden 16 201 Scheidungsurteile gesprochen. Das entspricht einem Rückgang um 5,6% verglichen mit dem Vorjahr. Im ersten Halbjahr 2022 schwankten die Scheidungszahlen stark: Während sie im März sehr hoch ausfielen (1570 Scheidungen), gingen sie im April stark zurück und lagen mit 885 Scheidungen unter dem Wert von April 2020. Dieser Rückgang wurde im Mai durch eine höhere Anzahl Scheidungen ausgeglichen. Die zweite Jahreshälfte 2022 wies hingegen eine ähnliche Entwicklung auf wie das zweite Halbjahr 2021. Die Indikatoren, die insbesondere die Verhaltenseffekte messen, wiesen für das Jahr 2022 erneut einen deutlichen Rückgang der Scheidungsneigung aus. Bei Verfassen dieses Artikels lagen für das Jahr 2022 erst die provisorischen jährlichen Indikatoren zur Messung der strukturellen und Verhaltenseffekte vor.
Fazit
Die Geburten-, Eheschliessungs- und, in geringerem Ausmass, auch die Scheidungszahlen werden grundsätzlich durch Krisenzeiten beeinflusst. Der vorliegende Artikel zeigt, welche Auswirkungen die Pandemie und die verordneten Massnahmen im Jahr 2020 auf diese demografischen Ereignisse hatten.
Während des ersten Lockdowns war ein deutlicher Rückgang der Eheschliessungen und Scheidungen zu beobachten. Der zweite Lockdown hatte weniger starke Auswirkungen. Im Verlauf der Pandemie galten jedoch abhängig von den jeweiligen Bestimmungen in der Covid-19-Verordnung unterschiedliche Massnahmen. Bei den Geburten führte die Pandemie zu einer unerwarteten Entwicklung: Zwischen Dezember 2020 und März 2021 wurde eine erste Geburtenwelle registriert, gefolgt von einer zweiten Welle zwischen Juli und Oktober 2021. Die beiden Wellen hängen mit den Lockdowns des Jahres 2020 zusammen. Die Geburtenwelle in Zusammenhang mit dem zweiten Lockdown wurde nicht nur in der Schweiz, sondern auch in anderen Ländern wie Frankreich, Italien und Spanien beobachtet; bei der zweiten Geburtenwelle hingegen handelt es sich um eine schweizerische Besonderheit.
Nach der Pandemie sieht sich Europa seit Anfang 2022 mit einer neuen Krise konfrontiert: Der geopolitische Konflikt in der Ukraine und die damit verbundenen wirtschaftlichen Folgen könnten die Entwicklung der Bevölkerung und die natürliche Bevölkerungsbewegung in der Schweiz ebenfalls beeinflussen. Die Situation muss in den nächsten Monaten aufmerksam beobachtet werden.
Fabienne Rausa, BFS
Bibliografie
Heiniger, M. (2009). Verhaltens- und Struktureffekte bei der Entwicklung der Ehescheidungen. In Newsletter Demos 2/2009, S. 3–4. Neuchâtel.
Höpflinger, F. (2020). Bevölkerungswandel Schweiz. Soziodemografische und familiendemografische Entwicklungen im Langzeitvergleich. Stallikon.
Weiterführende Informationen
Das deutsche Statistische Bundesamt (Destatis) verfolgt die Entwicklung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie in verschiedenen Ländern der Europäischen Union (EU). Eine Auswahl an Indikatoren finden Sie unter folgendem Link: https://www.destatis.de/Europa/DE/Thema/COVID-19/COVID-19-Artikel.html