Fast ein Viertel der Schweizer Landesfläche wird weder land- noch forstwirtschaftlich genutzt und ist auch nicht besiedelt. Zu diesen «unproduktiven Flächen» zählen insbesondere grosse Teile des Gebirges oberhalb der Baumgrenze. Auch sie sind jedoch einem gewissen Wandel unterworfen: So hat sich etwa die Fläche der Gletscher zwischen 1985 und 2018 um nahezu ein Drittel verkleinert.
Wo kein Wald wächst, eine Nutzung der Böden als Kulturland aufgrund der geringen Ertragskraft nicht rentiert sowie lebensfeindliche Bedingungen und Abgeschiedenheit auch eine Besiedlung verhindern, da spricht die Arealstatistik von «unproduktiven Flächen». Diese machten 2018 mit 10 361 km2 ein Viertel der Landesfläche aus. Unproduktiv bedeutet jedoch nicht wertlos – im Gegenteil: In Form von Bergmassiven, Gletschern, Seen oder Feuchtgebieten umfassen die unproduktiven Flächen einige der schönsten Landschaften der Schweiz – Gebiete von hohem ökologischen und nicht zuletzt auch touristischen Wert. Von den Gewässern wird zudem ein grosser Teil für die Erzeugung von elektrischer Energie genutzt: Mehr als die Hälfte des in der Schweiz produzierten Stroms stammt aus Wasserkraftwerken.
Viel unproduktive Fläche im Alpenraum
Nahezu die Hälfte der unproduktiven Flächen besteht aus Fels und Geröll: sogenannt «vegetationslosen Flächen», wie sie fast auschliesslich im Gebirge anzutreffen sind (G 41). Etwas mehr als ein Viertel entfällt auf die unproduktive Vegetation, das heisst vor allem auf hochalpine Gras- und Krautgemeinschaften, auf Sträucher, Büsche, Feuchtgebiete usw. Das restliche Viertel der unproduktiven Flächen bilden stehende und fliessende Gewässer sowie dauerhafter Schnee in Form von Gletschern und Firnfeldern. Bezogen auf die gesamte Schweizer Landesfläche waren 2018 rund 4% von Gewässern und etwas mehr als 2% von Gletschern und Firn bedeckt.
Wie aus dem Gesagten bereits hervorgeht, befindet sich der grösste Teil der unproduktiven Flächen in den Alpen: In den zentralen Alpenregionen nehmen die unproduktiven Flächen zum Teil mehr als die Hälfte des Territoriums ein, auf der Alpensüdflanke ein Drittel und auf der Alpennordflanke ein Viertel (G42). Hingegen beträgt ihr Anteil im Mittelland lediglich ein Zehntel und im Jura gar nur 1%. Bei den unproduktiven Flächen des Mittellandes handelt es sich grösstenteils um Seen und Fliessgewässer.
Gesamtfläche verändert sich wenig –
trotz starker örtlicher Dynamik
Über die letzten drei Jahrzehnte hat sich die Grösse der unproduktiven Flächen in der Summe relativ wenig verändert: Zwischen 1985 und 2018 wurde eine Verkleinerung um 222 km2 respektive 2% registriert (G43). Bei genauerem Hinsehen offenbaren die unproduktiven Flächen gleichwohl eine beachtliche Dynamik (G44). Ein wichtiger Treiber ist die schon in den vorangegangenen Kapiteln besprochene Einwaldung aufgegebener Alpwiesen und -weiden. Im Zuge solcher Vergandungs-Prozesse entstehen zunächst unproduktive Flächen in Form junger Gebüsch- und Strauchvegetationen, die dann ihrerseits wieder von grösseren Gehölzen und Bäumen – von bestockten Flächen also – verdrängt werden. Die Nutzungskategorie der unproduktiven Vegetation weist daher für die Zeit zwischen 1985 und 2018 sowohl grosse Gewinne als auch grosse Verluste auf: Erstere etwa zur Hälfte zulasten von Landwirtschaftsflächen, Zweitere vor allem zugunsten bestockter Flächen. Ob in einem bestimmten Gebiet die Gewinne oder die Verluste dominieren, hängt meist davon, wie weit dort die Vergandung fortgeschritten ist: In Regionen, in denen sich diese jüngst intensiviert hat, haben die unproduktiven Flächen in Form von Sträuchern und Büschen zwischen 1985 und 2018 häufig zugenommen (G45). Dagegen wurden Abnahmen verzeichnet in Gebieten, wo die Vergandung respektive die Wiederbewaldung schon weitgehend abgeschlossen ist, wie insbesondere im Tessin und im Chablais. Über die gesamte Landesfläche betrachtet, überwiegten im besagten Zeitraum die Abnahmen.
Zu einer ähnlichen Sukzession wie bei den aufgegebenen Landwirtschaftsflächen kommt es auch nach Felsstürzen, Erdrutschen oder Murgängen. Diese im Alpenraum recht häufigen Naturereignisse schaffen punktuell immer wieder neue unproduktive Flächen in Form von Geröll- und Kiesablagerungen, die dann von verschiedenen Pionierpflanzen in einer typischen Abfolge überwachsen werden, bis sich wieder eine stabile, standorttypische Pflanzengesellschaft – zum Beispiel Wald – eingestellt hat.
Die Gletscher ziehen sich
auf die höchsten Lagen zurück…
Ein zweiter wichtiger Treiber der Dynamik bei den unproduktiven Flächen ist der Klimawandel. Die relativ hohen Durchschnittstemperaturen in der jüngeren Vergangenheit haben dazu geführt, dass die Gletscher und Firnfelder zwischen 1985 und 2018 ein Drittel ihrer Fläche eingebüsst haben (G43). Dies entspricht einem Verlust von 505 km2 und damit beinahe der Fläche des Bodensees. Die Geschwindigkeit des Gletscherschwundes ist über die vergangenen drei Jahrzehnte bezogen auf die Fläche einigermassen konstant geblieben.
Besonders stark geschrumpft sind zwischen 1985 und 2018 erwartungsgemäss die am tiefsten gelegenen Gletscher und Firnfelder (G46). So konnte die jüngste Erhebung in den Lagen unterhalb von 2000 Metern über Meer nur noch kleinste Restflächen (4 km2) mehrjährigen Schnees ausmachen. Auch zwischen 2000 und 2500 Metern sowie zwischen 2500 und 3000 Metern waren die Verluste im genannten Zeitraum mit –52% respektive –44% substantiell. Deutlich besser halten konnte sich das Eis in den Höhen ab 3000 Metern – doch selbst dort sind Rückgänge feststellbar.
…und hinterlassen Fels und Geröll
Wo Gletschereis schmilzt, bleiben mehrheitlich Geröll und Felsflächen zurück. Entsprechend haben sich diese sogenannten «vegetationslosen Flächen» zwischen 1985 und 2018 markant ausgedehnt, und zwar um netto 286 km2 respektive 10% (G44). Eine Besiedlung durch Pflanzen kann für die von dem seit 1985 geschmolzenen Gletschereis freigegebenen Flächen bis anhin nur ganz selten festgestellt werden.
Statische Seen, dynamische Flüsse
Im Gegensatz zu den soeben besprochenen Nutzungsarten (Gletscher, vegetationslose Flächen, unproduktive Vegetation) zeigen sich bei den stehenden Gewässern zwischen 1985 und 2018 keine grossen Flächenveränderungen (G44). Kleinere Abnahmen ergaben sich mancherorts durch das Auffüllen von Baggerseen sowie natürlicherweise durch Anlandung und Austrocknung. Zu punktuellen Zunahmen kam es im Wesentlichen durch den Rückzug der Gletscher, der zuweilen kleine Seen entstehen lässt.
Viel dynamischer als die Seen sind – auch hinsichtlich ihrer Flächenentwicklung – die Fliessgewässer. Die Materialverschiebung bei Hochwassern führt dazu, dass unverbaute Bäche und Flüsse ihr Bett stellenweise auf Kosten anderer Nutzungsarten ausweiten, während andernorts kaum mehr Wasser hingelangen kann, sodass dort in der Folge wieder dauerhafte Vegetation aufkommt. Diese natürliche Dynamik spielt vor allem zwischen den Fliessgewässern und den Wäldern und Gehölzen (bestockte Flächen) (G44). Vielerorts wurde den Fliessgewässern in den vergangenen Jahren aus ökologischen Gründen und um den Hochwasserschutz zu verbessern auch absichtlich wieder mehr Platz eingräumt, indem Bäche ausgedolt oder Dämme rückversetzt wurden. Solche Massnahmen sind der Hauptgrund dafür, dass die Gesamtfläche der Fliessgewässer zwischen 1985 und 2018 um netto 15 km2 (entspricht 6%) zugenommen hat. Daneben konnten sich dank ähnlicher Renaturierungen auch die Feuchtgebiete zwischen 1985 und 2018 wieder etwas ausdehnen, nämlich um 18 km2 oder 19%.
Bauwerke zum Schutz von Siedlungen
und Verkehrswegen
Die unproduktiven Flächen sind nicht immer unverbaut: Rund 0,4% der entsprechenden Areale weisen bauliche Eingriffe in Form von Schutzkonstruktionen gegen Naturgefahren auf. Dabei haben sich die Flächen mit Hochwasserverbauungen zwischen 1985 und 2018 um gut ein Drittel vergrössert und jene mit Lawinen- und Steinschlagverbauungen gar verdoppelt. Diese Entwicklungen dürften weniger auf eine Zunahme des natürlichen Gefahrenpotentials zurückzuführen sein als auf ein erhöhtes Risikobewusstsein sowie die Notwendigkeit, neu erstellte Infrastrukturen an gefahrenexponierten Lagen zu schützen.