2 Siedlungsflächen: Die Städte und Dörfer wachsen weiter – aber langsamer

Die Schweiz ist immer stärker bebaut. Zwischen 1985 und 2018 haben sich die Siedlungsflächen landesweit um fast ein Drittel ausgedehnt. Die Wohnareale wuchsen sogar um 61% und damit doppelt so schnell wie die Bevölkerung. Allerdings hat sich das Siedlungswachstum im Verlaufe der letzten drei Jahrzehnte etwas verlangsamt.

Die Siedlungsflächen nahmen 2018 schweizweit 3271 km2 ein. Dies entspricht 8% der gesamten Landesfläche und damit einem Gebiet von ungefähr der Grösse des Kantons Waadt. Zu den Siedlungsflächen zählen nicht nur Gebäude im engeren Sinne, sondern sämtliche Anlagen und Infrastrukturen des Wohnens, des Arbeitens, der Freizeit und der Mobilität – darunter auch vielfältige Grünbereiche wie Gärten oder öffentliche Parks.

Wohnen und Mobilität beanspruchen
am meisten Raum


Die grösste Kategorie innerhalb der Siedlungsflächen bildet das Wohnareal, dessen Anteil sich 2018 auf 35% belief (G9). Das Wohnareal umfasst neben den Wohngebäuden und Garagen auch die zugehörigen Umschwünge wie Zufahrten, Plätze, Rasenflächen, Gärten usw. Ebenfalls viel Platz, nämlich 30%, nahmen die Verkehrsflächen ein, die sich in erster Linie aus Strassen-, aber auch aus Bahn- und Flughafenarealen zusammensetzen. Deutlich kleiner waren die Anteile des Industrie- und Gewerbeareals mit 8% sowie der übrigen Gebäudeareale, welche insbesondere die öffentlichen sowie die landwirtschaftlichen Gebäude umfassen und 2018 rund 16% der Siedlungsflächen ausmachten. Die Erholungs- und Grünanlagen, zu denen neben den Parks auch die Friedhöfe, die Spiel- und Sportplätze sowie die Schrebergärten zählen, kamen auf einen Anteil von 6% und die besonderen Siedlungsflächen auf 5%. Zur recht heterogenen Kategorie der besonderen Siedlungsflächen gehören Infrastrukturanlagen wie Kraftwerke und Abwasserreinigungsanlagen, aber auch Deponien sowie temporäre Installationen wie Baustellen oder Kiesgruben.

Der Anteil der Siedlungsflächen an der Gesamtfläche ist stark topografieabhängig. Mit Abstand am dichtesten besiedelt ist das relativ flache Mittelland, eine auch im internationalen Vergleich stark bevölkerte Region. Hier bedeckten die Siedlungsflächen 2018 rund 17% des gesamten Bodens, wogegen der entsprechende Anteil im Jurabogen nur etwa die Hälfte (8%) und in Teilen der Alpen kaum mehr als 2% betrug (G10).

Vergrösserung um fast ein Drittel
in drei Jahrzehnten

Zwischen 1985 und 2018 haben sich die Siedlungsflächen in der Schweiz um insgesamt 776 km2 oder 31% ausgedehnt (G11). Somit wurde in gut drei Jahrzehnten eine Fläche von nahezu der Grösse des Kantons Neuenburg zusätzlich bebaut. Allerdings hat sich das Siedlungswachstum in dieser Zeit allmählich verlangsamt: Während in der Periode zwischen 1985 und 1997 noch eine jährliche Zunahme der Siedlungsflächen um durchschnittlich 27 km2 verzeichnet wurde, betrug dieser Wert in den Jahren zwischen 1997 und 2009 noch 23 km2 und zwischen 2009 und 2018 noch 20 km2.

Am stärksten wuchsen die Siedlungen zwischen 1985 und 2018 in den Agglomerationsgürteln sowie in den städteübergreifenden Grossagglomerationen, etwa im Dreieck Olten-Winterthur-Luzern oder zwischen Genf und Lausanne (G12). Aber auch in den ländlichen Zonen des Mittellands (etwa im Raum Freiburg und in der Bodenseeregion), in den Talebenen der Alpen sowie in Teilen des Juras und der Alpennordflanke vergrösserten sich die Siedlungsflächen mitunter ganz erheblich. In den westlichen Zentralalpen (Wallis) lag die Zunahme mit 49% sogar deutlich über dem Landesdurchschnitt.

Nicht alle Arten von Siedlungsflächen wuchsen gleich schnell. Am meisten – sowohl in absoluten Zahlen als auch prozentual – vergrösserte sich zwischen 1985 und 2018 das Wohnareal, und zwar um 434 km2 beziehungsweise 61% (G13). Damit wuchsen die fürs Wohnen genutzten Flächen deutlich schneller als die Bevölkerung. Hohe Zuwachsraten verzeichneten auch die Erholungs- und Grünanlagen mit +46% sowie das Industrie- und Gewerbeareal mit +41%. Deutlich schwächer fiel die Zunahme bei den Verkehrsflächen mit +19% und beim übrigen Gebäudeareal mit +14% aus. Im Falle der Verkehrsflächen bedeutet dies, dass sie in der betrachteten Zeitspanne deutlich schwächer zugenommen haben als die Fahrzeugbestände und die Fahrleistungen. Gar um 15% kleiner geworden sind zwischen 1985 und 2018 die besonderen Siedlungsflächen. Dies, weil mehrere Autobahn-Abschnitte fertiggestellt und die entsprechenden Grossbaustellen geschlossen wurden. Auch sind vielerorts Kiesgruben und Deponien rekultiviert oder renaturiert worden.

Wachstum vor allem auf Kosten
des Kulturlands

Neun Zehntel der neuen Siedlungsflächen entstanden zwischen 1985 und 2018 auf vormaligen Landwirtschaftsflächen, gerademal ein Zehntel war zuvor mit Wald und Gehölzen bestockt oder sogenannt unproduktive Fläche (G14). Dies erklärt sich daraus, dass bestehende Siedlungen meist von Landwirtschaftsgebieten umgeben sind. Auch verfügt der landwirtschaftliche Boden nicht über den gleichen gesetzlichen Schutz wie der Wald, bei dem Rodungen zwingend kompensiert werden müssen. Die unproduktiven Flächen wiederum befinden sich mehrheitlich an abgelegenen Orten und sind daher von der Erweiterung des Siedlungsraums flächenmässig nur schwach betroffen.

Welche Nutzungen den neuen Bebauungen am häufigsten weichen mussten, hängt von der Art der neuen Siedlungsflächen ab. So ist zum Beispiel das Industrie- und Gewerbeareal vor allem auf Kosten der fruchtbarsten Landwirtschaftsflächen, des Ackerlandes, gewachsen (G13). Dies liegt nicht zuletzt daran, dass für grössere Industriebauten in der Regel nur sehr flache Gebiete in Frage kommen, wie sie auch für den Ackerbau ideal sind. Anders die Wohnbauten: Für deren Erstellung sind auch Hanglagen geeignet und aufgrund der guten Besonnung und Aussicht zum Teil sogar besonders begehrt. Da die neuen Wohngebäude dort meist auf ehemaligen Naturwiesen, Heimweiden oder Obst- und Rebbauflächen erstellt werden, machen diese Kategorien zusammen mehr als die Hälfte der durch das neue Wohnareal insgesamt verdrängten Nutzungen aus.

Renaturierungen und Umnutzungen

Siedlungen sind dynamische Gebilde. Nebstdem sie sich vielerorts ausdehnen, kommt es stellenweise auch vor, dass Siedlungsflächen wieder «verschwinden», also in andere Nutzungsformen rückgeführt werden (G13). Von solchen «Rekultivierungen» oder «Renaturierungen» war schon weiter oben im Zusammenhang mit den aufgegebenen Kiesgruben und Deponien die Rede. Sie bilden jedoch eher die Ausnahme: Insgesamt summierten sich die verschwundenen Siedlungsflächen zwischen 1985 und 2018 auf relativ bescheidene 97 km2.

Umfangreicher waren die Verschiebungen zwischen den verschiedenen Arten von Siedlungflächen: Total 262 km2 Siedlungsflächen dienten 2018 einer anderen der sechs unterschiedenen Nutzungsarten als noch 1985.

Die Bevölkerung wächst – 
das Wohnareal noch mehr

Die weiter oben genannte Zunahme des Wohnareals (Wohngebäude plus Umschwung) um 61% zwischen 1985 und 2018 bedeutet, dass die fürs Wohnen genutzten Flächen in den vergangenen drei Jahrzehnten fast doppelt so stark gewachsen sind wie die Bevölkerung (+32%) (G15). Lag der Wohnareal-Verbrauch 1985 noch bei 110 m2 pro Person, stieg dieser Wert bis 2018 auf 134 m2. Wichtige Gründe dafür sind die gestiegenen Ansprüche der Menschen bezüglich Wohnungsgrösse sowie die Zunahme von Kleinhaushalten mit nur einer oder zwei Personen. Diese Entwicklungen haben auch dazu geführt, dass die durchschnittliche Wohnfläche pro Person (bewohnte Innenfläche) seit den 1980er- Jahren deutlich grösser geworden ist (1980: 34 m2, 2018: 46 m2, gemäss Gebäude- und Wohnungsstatistik des BFS).

Dem im Vergleich zur Bevölkerung überproportionalen Wachstum der Wohnareale stand zwischen 1985 und 2018 ein unterproportionaler Zuwachs bei den übrigen Gebäudearealen, den Verkehrsflächen sowie den besonderen Siedlungsflächen gegenüber (G13). Insgesamt haben daher die Siedlungflächen in diesem Zeitraum mit +31% ungefähr gleich stark zugenommen wie die Bevölkerung. Entsprechend ist auch der Siedlungsflächen-Verbrauch pro Einwohnerin und Einwohner nahezu gleich geblieben: 2018 lag er bei 396 m2, gegenüber 391 m2 im Jahr 1985. In der Zeit dazwischen war die Marke von 400 m2 jedoch knapp überschritten worden.

Erste Anzeichen für dichteres Bauen

Dem rasanten Wachstum in den letzten drei Jahrzehnten zum Trotz sind beim Wohnareal auch statistische Anzeichen für eine allmähliche Trendwende hin zu einem sparsameren Umgang mit der knappen Ressource Boden auszumachen. So waren die jährlichen Wachstumsraten bei den punkto Bodennutzung besonders unökonomischen Ein- und Zweifamilienhäusern in den vergangenen Jahrzehnten rückläufig, während sie bei den flächenschonenden Mehrfamilienhäusern deutlich angestiegen sind. Anteilsmässig am wenigsten neue Ein- und Zweifamilienhäuser entstanden dabei – wenig überraschend – in den urbanen Zentren und deren Umland, wo entsprechend nutzbare Zonen rar und die Bodenpreise hoch sind (G16). Als ein weiteres Indiz für dichteres Bauen darf auch die Verkleinerung der Gebäudeumschwünge gewertet werden, die zumindest bei den Ein- und Zweifamilienhäusern beobachtet werden kann. Während dort das Verhältnis der Gebäudeflächen zum Umschwung 1985 noch bei 1:4,6 lag, sank es bis 2018 auf einen Wert von 1:4,2.

Der Trend hin zu einer besseren Ausnutzung des Wohnareals wird ausserdem von der Gebäude- und Wohnungsstatistik bestätigt, die für die letzten Jahre ebenfalls eine Verschiebung der Bautätigkeit hin zu (grösseren) Mehrfamilienhäusern zeigt. So haben die zwischen 2016 und 2019 erstellten Wohngebäude im Schnitt fast doppelt so viele Wohnungen (4,1) wie die zwischen 2001 und 2005 errichteten Bauten (2,1). Zwischen 1981 und 2000 lag der Mittelwert bei 2,4 Wohnungen pro Gebäude.

Industrie und Gewerbe ziehen
in die Agglomerationsgürtel…

Neue Industrie- und Gewerbeareale entstanden zwischen 1985 und 2018 vorwiegend in den Agglomerationsgürteln und in der Nähe von Autobahnanschlüssen (G17). Gerade Transport- und Logistikunternehmen, die viel Fläche für Lager und Fahrzeuge benötigen, liessen sich bevorzugt in der Nähe von Autobahnen und Eisenbahnlinien nieder.

…und verschwinden aus den Innenstädten

Entgegen dem allgemeinen Trend wachsender Industrie- und Gewerbeflächen konnte mancherorts auch eine gegenläufige Entwicklung festgestellt werden – insbesondere in innerstädtischen oder stadtnahen Gebieten. Dort nahmen die Industrie- und Gewerbeflächen häufig ab, in einigen Städten (Zürich, Basel, ­Winterthur) sogar markant. Die «Deindustrialisierung» der Zentren erreichte ihren Höhepunkt schon in den 1970er-Jahren mit dem Verschwinden der klassischen Industriebetriebe (zum Beispiel Maschinenbau oder Textilindustrie). Die grossflächige Umnutzung dieser Areale begann jedoch erst in den 1990er-Jahren, als die Umwandlung von Landwirtschaftsland in Bauland in den Städten an ihre Grenzen stiess. Ersetzt wurden die zwischen 1985 und 2018 abgegangenen Industrie- und Gewerbeflächen vor allem durch neuen Wohnraum (26%), andere Gebäudeflächen (22%) sowie Verkehrsareale (18%). Ein beträchtlicher Teil von ihnen harrt aber nach wie vor einer neuen Nutzung (leer stehende Gebäude, freigeräumte Areale, Baustellen).

Mehr Strassen, aber viel mehr Verkehr

Nicht zuletzt um die neu entstandenen Wohn-, Industrie- und Gebäudeareale verkehrstechnisch zu erschliessen, sind in den vergangenen Jahrzehnten viele neue Strassen erstellt sowie bereits bestehende Abschnitte ausgebaut worden. Gesamtschweizerisch hat sich das Strassenareal (Fahrbahnen und zugehörige Grünflächen) zwischen 1985 und 2018 um 124 km2 ausgedehnt, was rund der fünffachen Fläche des Walensees entspricht. Und dennoch: In Prozenten ausgedrückt, reichte das Wachstum des Strassenareals mit +18% bei Weitem nicht an jenes des Motorfahrzeugbestands mit +90% und der Fahrleistungen (von den Motorfahrzeugen zurückgelegte Kilometer) mit +59% heran (G18). Pro Fahrzeug steht damit heute deutlich weniger Strassenfläche zur Verfügung als noch vor 30 Jahren. Eher mit der Entwicklung des Fahrzeugbestandes Schritt gehalten haben mit einem Plus von 68% zwischen 1985 und 2018 die oberirdischen Parkplatzareale.

Mehr Platz fürs Golfen, weniger fürs Gärtnern

Die Fläche der Erholungs- und Grünanlagen wuchs zwischen 1985 und 2018, wie bereits gesehen, gesamthaft um 46%. Die Aufschlüsselung nach einzelnen Nutzungsarten offenbart jedoch grosse Unterschiede (G19). Ein ausgesprochen starkes Wachstum kann für die Golfplätze konstatiert werden, deren Fläche sich in der genannten Periode mit +325% mehr als vervierfachte. Mehr als zwei Drittel dieses Zuwachses vollzogen sich allerdings zwischen den Erhebungen 1997 und 2009; seither scheint der «Golfboom» wieder etwas abgeebbt zu sein.

Stark ausgedehnt haben sich zwischen 1985 und 2018 auch die anderen Sportanlagen (+40%) sowie die öffentlichen Parks (+49%). Nur schwache Zuwächse verzeichneten im besagten Zeitraum dagegen die Campingplätze (+13%) sowie die Friedhöfe (+8%); gar verkleinert hat sich die Fläche der Schrebergärten (–13%).

Fast zwei Drittel der Siedlungsflächen
sind «versiegelt»

Die Grünräume innerhalb der Siedlungen beschränken sich bei Weitem nicht auf die gerade besprochenen Erholungs- und Grünanlagen. Auch die privaten Gärten, die oft üppig bepflanzten Gebäudeumschwünge, die Grünbänder entlang der Strassen usw. sorgen dafür, dass Siedlungen weit mehr sind als ein Mosaik aus Asphalt und Beton. Zuweilen übertreffen die Siedlungen bezüglich Biodiversität sogar land- oder forstwirtschaftlich genutzte Flächen. Nichtsdestotrotz waren 2018 beinahe zwei Drittel der Siedlungsflächen, nämlich 63%, «versiegelt». So werden Böden bezeichnet, die von undurchlässigen Materialien abgedeckt und daher eines Grossteils ihrer ökologischen Funktionen (Filterung und Speicherung von Wasser, Abbau von Schadstoffen usw.) beraubt sind. Der Versiegelungsgrad variiert je nach Art der Siedlungsfläche und ist beim Industrie- und Gewerbeareal mit 88% sowie bei den Verkehrsflächen mit 85% besonders hoch (G20). Vergleichsweise sehr tiefe Werte weisen dagegen mit 23% – wenig überraschend – die Erholungs- und Grünanlagen sowie mit 32% die besonderen Siedlungflächen auf. Der tiefe Versieglungsgrad der besonderen Siedlungsflächen erklärt sich dadurch, dass die zu dieser Kategorie gehörenden Baustellen, Abbau- und Deponieflächen viel offenen Boden enthalten – der allerdings nur selten «grün» ist.

Versiegelung hat sich jüngst
wieder beschleunigt

Parallel zum Siedlungwachstum haben in den vergangenen Jahrzehnten auch die versiegelten Flächen stark zugenommen, und zwar von 1487 km2 im Jahr 1985 auf 2081 km2 im Jahr 2018 (+594 km2). Während im Zeitraum zwischen 1985 und 1997 pro Jahr durchschnittlich 19,4 km2 Boden zusätzlich versiegelt wurden, sank dieser Wert in der Periode 1997–2009 auf 16,9 km2, um dann im jüngsten verfügbaren Beobachtungszeitraum, den Jahren zwischen 2009 und 2018, wieder auf 17,6 km2 anzusteigen (G21). Die Entwicklung in den letzten Jahren ging somit in eine andere Richtung als in der vom Bundesrat verabschiedeten «Bodenstrategie Schweiz» vorgesehen. Deren erstes Ziel ist es nämlich, den jährlichen Bodenverbrauch bis ins Jahr 2050 auf netto Null zu senken, wobei als Indikator der Versiegelungsgrad herangezogen wird. Die Bodenversieglung als Indikator für den Bodenverbrauch soll zu einem späteren Zeitpunkt durch eine schweizweite Bodenfunktionskarte ersetzt werden. Siehe: Schweizerischer Bundesrat (2020): Bodenstrategie Schweiz, Bern.