Einleitung

Die Frage, wie es der Bevölkerung eines Landes geht, d. h. die Frage nach ihrer Wohlfahrt, ist von zentraler politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Bedeutung. Die Förderung der gemeinsamen Wohlfahrt ist gemäss Art. 2 der Bundesverfassung eines der Staatsziele der Schweiz. Die gemeinsame Wohlfahrt beinhaltet auch die Förderung des wissenschaftlichen, ökonomischen und zivilisatorischen Fortschritts; siehe Botschaft vom 26. November 1996 über eine neue Bundesverfassung, BBl 1997 I 1, hier 127.

Das BFS hat 2014 erstmals das Indikatorensystem Wohlfahrtsmessung publiziert. Das vorliegende Dokument ist eine 2018 erfolgte, leicht veränderte und überarbeitete Version des Einführungstextes von 2014 und erläutert die Idee und die Struktur des Indikatorensystems.

Wohlfahrt – ein umfassendes Konzept mit vielfältigen ­Elementen

Wohlfahrt bedeutet, dass die Bevölkerung über genügend Mittel verfügt, damit sie ihre Bedürfnisse decken, ihr Leben selbstständig gestalten, ihre Fähigkeiten einsetzen und entwickeln sowie ihre Ziele verfolgen kann. siehe dazu Glatzer, W., Zapf, W. (1984): Lebensqualität in der Bundesrepublik. S. 16ff;Noll, H. - H. (2000): Konzepte der Wohlfahrtsentwicklung; OECD (2011): How’s Life?: Measuring Well-Being. S. 18; OECD (2012): Framework for Statistics on the Distribution of Household Income, Consumption and Wealth. S. 26f Dazu müssen geeignete Rahmenbedingungen bestehen bzw. geschaffen werden. Wohlfahrt wird hier synonym zur Lebensqualität verwendet und entspricht dem englischen Begriff «Well-Being». Der Wohlfahrtsbegriff bezieht sich nicht nur auf materielle bzw. finanzielle Dimensionen, er ist breiter gefasst und beinhaltet auch die immaterielle Situation der ­Bevölkerung. Die materiellen Ressourcen umfassen das Einkommen und das Vermögen, mit denen verschiedene Ausgaben für den Lebensunterhalt bestritten werden können. Aber auch weitere materielle Bereiche wie Wohnen und Arbeit finden Eingang in die Wohlfahrtsmessung. Zu den immateriellen Dimensionen gehören die Bildung, die Gesundheit und das soziale Netz. Weiter zählen dazu auch rechtliche oder institutionelle Rahmenbedingungen, die eine politische Partizipation und physische Sicherheit ermöglichen. Schliesslich sind für die Wohlfahrt auch Umweltaspekte relevant, z. B. Luft- und Wasserqualität oder Lärmbelastung.

Für eine möglichst umfassende Betrachtung der Wohlfahrt spielt nicht nur die objektive Lebenssituation eine wichtige Rolle, sondern auch ihre subjektive Einschätzung. Diese beinhaltet z. B. wie die Bevölkerung die Wohn- oder die Umweltsituation bewertet, wie sicher sie sich fühlt und wie zufrieden sie mit der Arbeits­situation und mit dem Leben im Allgemeinen ist.

Ziel des Indikatorensystems

Das vorliegende Indikatorensystem hat zum Ziel, Informationen zur Lage der Bevölkerung zu liefern. Dabei soll der Vielzahl von Elementen der Wohlfahrt Rechnung getragen und ihre vielfältigen Facetten beschrieben werden. Mit dem Indikatorensystem werden statistische Informationen bereitgestellt, die den Stand und die Entwicklung der Wohlfahrt in einem breiten Kontext beschreiben und als Grundlage für die Meinungsbildung der Bevölkerung und für die politische Entscheidungsfindung dienen können.

Struktur des Indikatorensystems Die Struktur des Indikatorensystems orientiert sich an Harper, G., Price, R. (2011): A framework for understanding the social impacts of policy and their effects on wellbeing.

Das Indikatorensystem setzt sich zusammen aus einem Grundschema (siehe Schema G1), das die Schaffung, die Verteilung und den Erhalt der Wohlfahrt aufzeigt, sowie aus über 40 kommentierten Indikatoren aus den drei Bereichen Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt. Es basiert auf dem Konzept der Wohlfahrtsproduktion. zum Begriff der (gesellschaftlichen und wirtschaftlichen) Wohlfahrts­produktion siehe z. B. Zapf, W. (1984): Welfare Production; Kaufmann, F.-X. (2009) Sozialpolitik und Sozialstaat Gemäss diesem Konzept liegt Wohlfahrt nicht einfach vor, sondern sie entsteht, indem ökonomisches und natürliches Kapital sowie Human- und Sozialkapital im Rahmen von verschiedenen Aktivitäten und unter verschiedenen Rahmenbedingungen eingesetzt wird. Das so geschaffene «Angebot» an Wohlfahrt soll von der Bevölkerung auch genutzt werden können. Von besonderem Interesse ist dabei, wie die verschiedenen Elemente der Wohlfahrt auf die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen verteilt sind. Weitere gesellschaftliche, ökonomische und ökologische Aspekte ergänzen die rein wirtschaftliche Betrachtungsweise, die sich oft an der Entwicklung des BIP orientiert. Auf der Basis dieses Konzepts wird das Indikatorensystem in sieben Hauptthemen gegliedert (siehe Schema G1).


Herausforderungen für den Erhalt der Wohlfahrt

Damit die gemeinsame Wohlfahrt langfristig erhalten bleibt, dürfen ihre Grundlagen nicht beeinträchtigt werden. Hier bestehen verschiedene Herausforderungen. Diese zeigen sich unter anderem in der Legislaturplanung des Bundesrats, siehe z. B. Botschaft vom 27. Januar 2016 zur Legislaturplanung 2015–2019, BBl 2016 1105. Eine davon ist die demografische Entwicklung. Sie führt dazu, dass sich die Bedürfnisse und damit Ansprüche und Erwartungen an das Sozial- und ­Gesundheitswesen verändern. Auch die Wirtschaft sieht sich mit Fragen der zunehmenden Alterung und den daraus resultierenden möglichen Engpässen auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert. Eine weitere Herausforderung bilden der Umgang mit natürlichen Ressourcen, die Erhaltung der Biodiversität und die Thematik des Klimawandels. Dies sowie die steigende interna­tionale Mobilität, die sich in der Migration von Personen und dem grenzüberschreitenden Handel von Waren und Dienstleistungen zeigt, weisen auf die zunehmend globale Dimension hin, die der Erhalt der Wohlfahrt hat.

Wohlfahrtsmessung – ein altes Anliegen von neuer Aktualität

Die Überlegungen zur Wohlfahrt sind nicht neu siehe z. B. Habich, R., Noll, H.-H. (1994): Soziale Indikatoren und Sozialbericht­erstattung. S. 3ff , in jüngster Vergangenheit sind sie aber wieder vermehrt ins Zentrum des Interesses gerückt. Dies vor dem Hintergrund von allgemeinen längerfristigen Entwicklungen wie der Entstehung neuer, nicht-materieller Bedürfnisse im Zuge des steigenden Wohlstands, der zunehmenden internationalen Vernetzung der Wirtschafts­tätigkeit und der globalen Umweltprobleme. Ein auch für die Wohlfahrtsmessung einschneidendes Ereignis bildete die Finanz- und Schuldenkrise 2008 mit ihren weitreichenden Auswirkungen auf Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Die neuesten und wichtigsten Initiativen zur harmonisierten Wohlfahrtsmessung sind auf internationaler Ebene der Stiglitz-Sen-Fitoussi-Bericht, der für die öffentliche Statistik relevante Empfehlungen enthält, die EU-Initiative «GDP and beyond» und das OECD-Projekt «Better Life Initiative: Measuring Well-Being and Progress». Ausgangspunkt für diese Initiativen ist die Kritik am Bruttoinlandprodukt (BIP) bzw. an seiner falschen Verwendung als Mass für Wohlfahrt und Lebensqualität. Auch in der Schweiz besteht Informationsbedarf zum Thema Wohlfahrt. Diesen hat der Bundesrat im Jahr 2010 im Rahmen seines Beschlusses «Grüne Wirtschaft» formuliert und den Auftrag erteilt, das BIP mit Indikatoren zur gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Entwicklung zu ergänzen.